Kein Platz für unseren Mist?
Seit nunmehr fünf Jahren ist der einzige Mistplatz für die Leopoldstadt und die Brigittenau in der Dresdner Straße geschlossen. Gegen einen neuen Standort wehren sich jedoch Anrainerinnen und Bezirkspolitiker.
Text: Naz Küçüktekin

„Ein- und Ausfahrt Tag und Nacht freihalten“ steht noch immer auf dem Schild an den verschlossenen Toren – fast überflüssig, könnte man meinen. Denn hier an der Dresdner Straße 119 fährt schon seit Jahren niemand mehr hinaus oder hinein.
Im März 2020 sperrte die MA 48 den Mistplatz Zwischenbrücken. Als Grund gab dafür gab die Magistratsabteilung an, es solle „die Verbreitung des Corona-Virus verhindert werden”. Als die Pandemie vorbei war, änderten die Wiener Mistkübler ihre Argumentation: Nun waren es auf einmal Sicherheitsprobleme, die ein Aufsperren verhinderten: Die enge Ein- und Ausfahrt sowie die Verkehrssituation auf der Dresdner Straße ließen keinen sicheren Betrieb mehr zu, so die MA 48. Tatsächlich wäre ein Umbau der Anlage ein ziemlich aufwendiges Unterfangen: Der Trakt an der Dresdner Straße ist eine ehemalige Leichenhalle aus dem Jahr 1910. Sie steht unter Denkmalschutz.
Also wurde von der MA 48 eine neue Lösung in Aussicht gestellt.

Fünf Jahre nach der Sperre gibt es in Zwischenbrücken noch immer keinen Mistplatz – und auch eine Lösung ist nicht absehbar. Sehr zum Ärger vieler Anrainerinnen und Anrainer.
„Das Ziel der Stadt ist die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs, außerdem soll im Sinne der zirkulären Stadt die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden”, sagt die Raumplanerin Andrea Mann, die das Quartiersmanagement Nordbahnviertel leitet: “Es muss daher möglich sein, das alte Sofa oder den kaputten Schreibtischsessel ohne Auto zu entsorgen. Derzeit landet der Sperrmüll zu Hauf illegal in den Müllräumen und Höfen.”

Bereits im Sommer 2023 wurde die Petition „Wir wollen unseren Mistplatz wieder“ eingereicht. Für Bernhard Seitz, grüner Bezirksvize in der Leopoldstadt, ist die Wiederinbetriebnahme des alten Standorts die naheliegendste Lösung.
„Ich verstehe nicht, warum der alte Mistplatz nicht vergrößert, modernisiert und wiedereröffnet werden kann. Die Vornutzer sind abgesiedelt und die Flächenwidmung ist gerade in Bearbeitung. Es fehlt allein am Willen der Verantwortlichen, dem Wunsch der Bevölkerung nachzukommen“, kritisiert Seitz im Gespräch mit Zwischenbrücken. Genau darauf habe man sich 2020 im Bezirk geeinigt. In der Bezirksvertretungssitzung Mitte März wurde auf Antrag der Grünen in der Bezirksvertretung Leopoldstadt der Konsens einstimmig erneuert. Bezirksvorsteher Alexander Nikolai (SPÖ), betont, dass er sich an diesen Beschluss halte. Aber es werde auch nach einem geeigneten Standort gesucht, „der alle Beteiligten zufriedenstellt”, sagt Nikolai.

Für die MA 48 ist die Option Dresdner Straße nicht weiterverfolgbar, wie sie auf Nachfrage betont. Der Standort Dresdner sei für den sicheren Betrieb eines Mistplatzes „nach mehreren Prüfungen nicht geeignet“, heißt es aus der Pressestelle. Die Platzverhältnisse seien nach wie vor zu beengt. Auch die heranrückende Wohnbebauung, die Ein- und Ausfahrt über den stark frequentierten Gehsteig sowie der Denkmalschutz ließen diese Option entfallen, so die MA 48. Was stattdessen mit dem Standort in der Dresdner Straße passieren soll, ist unklar.
Laut MA 48 kommt für einen neuen Mistplatz nur die Innstraße in Frage. „Ein neuer, geeigneter Standort befindet sich rund 30 Meter hinter den Gleisen der Schnellbahn. Aus Sicht der MA 48 wäre dieser Standort optimal: Er ist von den Bezirken 2 und 20 gut erreichbar und würde die Anrainer:innen möglichst wenig belasten. Die ‚Freie Mitte‘ würde dabei ohne Flächenverlust erhalten bleiben“, heißt es.
Überraschender Verkauf des Areals
Der Mistplatz würde sich nach dieser Variante zwischen dem Park am Nordwestbahnhof und einem Grundstück befinden, auf dem ein Umspannwerk errichtet werden soll. Die ÖBB, bisherige Eigentümerin des Areals, hat die Fläche an die Wiener Netze GmbH verkauft – zum Zweck der Errichtung öffentlicher Infrastruktur, etwa eines Umspannwerks, wie sie auf Nachfrage erklären. Eine finale Entscheidung sei in Bezug auf die Innstraße allerdings noch nicht getroffen worden. “Die MA 48 hofft auf eine rasche Umsetzung.”
Nach Ansicht von Seitz und den Grünen wäre die besagte Fläche an der Innstraße allerdings viel besser für Wohnbauten genutzt. So war es auch nach einer intensiven Planung- und Diskussionsphase 2014 im „Leitbild Nordbahnhof“ auch beschlossen worden. Entlang der Innstraße sollten das Umspannwerk und daneben Wohnhäuser gebaut werden. Allerdings sah das Leitbild auch an der Dresdner Straße keinen Mistplatz mehr vor. Dass die neuen Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels auch Sperr- und Sondermüll entsorgen müssen, hatte man offenbar nicht bedacht. Erst nach Beschluss des Leitbilds kam die MA 48 und reklamierte den Standort Innstraße für sich.

„Generell braucht es viel mehr Transparenz in dieser ganzen Angelegenheit“, betont Bernhard Seitz außerdem. Deshalb beriefen die Grünen Leopoldstadt bereits Mitte Februar eine Bürgerversammlung ein. Solche Versammlungen dienen der Information und Diskussion über Themen von Bezirksinteresse. Doch ein solches liege laut dem Bezirksvorsteher nicht vor. Beim Mistplatz handle es sich um eine Frage der Stadtplanung und somit um eine Angelegenheit der Gemeinde, nicht des Bezirks, argumentiert Alexander Nikolai. Das wiederum hält der grüne Vizevorsteher Seitz für „einen Skandal“. Er möchte dennoch eine Bürgerversammlung durchsetzen.
Mülltransport mit den Lastenrad?
Für die Raumplanerin Andrea Mann könnte der alte Mistplatz in der Dresdner Straße trotz beengter Platzverhältnisse eine wichtige Funktion für die Alt- und Problemstoffsammlung erfüllen: Dort könnte man Batterien, Altöl, Druckerpatronen oder kaputte Elektrogeräte abgeben. “Gut wäre es, wenn man dorthin zu Fuß oder mit dem Lastenrad kleineren Sperrmüll bringen könnte”, sagt Mann: “Denn viele Bewohnerinnen und Bewohner des Nordbahnviertels haben gar kein Auto.”
Für größeren Sperrmüll schlägt Andrea Mann ein kostenloses Abholsystem vor. Oder die Wiedereinführung von Sperrmülltagen: “Da könnte dann einmal im Quartal am Wochenende der Sperrmüll vor das Haus gestellt werden und die MA48 holt ihn ab. In meiner Kindheit hat das gut funktioniert.”
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.