Ein Bahnhof verschwindet
Auf dem Gelände des alten Nordwestbahnhofs entsteht ein Stadtteil in der Größe von Eisenstadt. Doch werden dabei die Fehler früherer Projekte wiederholt?
Text: Bernhard Odehnal. Fotos: Christopher Mavrič

„Und hier stand einst die größte Bahnhofshalle in Wien“. Michael Hieslmair führt die Besuchergruppe auf eine betonierte Rampe und zeigt auf das Gelände ringsum. Da sind eine Lagerhalle zu sehen, ein Parkplatz und schmucklose Wohnblöcke. Aber kein Bahnhof. Der prachtvolle Kopfbahnhof der Nordwestbahn war im Krieg durch Bomben beschädigt worden und wurde in den 1950er Jahren abgerissen. Der Architekturtheoretiker und Kulturhistoriker Hieslmaier hat es sich gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Zinganel zur Aufgabe gemacht, die wechselvolle, aber für Wien so bedeutende Geschichte des Nordwestbahnhofs zu dokumentieren. Nicht nur im von ihnen gegründeten Museum, sondern auch mit Führungen durch das Areal.
Denn schon bald wird es das 44 Hektar große Gebiet in seiner derzeitigen Form nicht mehr geben. Wo bis vor wenigen Jahren noch Güterwaggons entladen und ihre Waren mit Lastwagen in der Stadt verteilt wurden, wird ein neuer Stadtteil entstehen, mit Wohnungen für 20.000 Menschen, Schulen, Geschäftsstraßen und einer neuen Straßenbahnlinie: Eine neue Kleinstadt mitten in der Großstadt Wien.

Nach dem Sonnwendviertel in Favoriten und dem Nordbahnviertel in der Leopoldstadt wird mit dem Nordwestbahnviertel in der Brigittenau das letzte große Bahnareal verbaut. Die Verdichtung der Stadt wird damit abgeschlossen. Mehr Freiflächen im innerstädtischen Bereich gibt es nicht mehr. Wien kann in Zukunft nur mehr an den Rändern wachsen.
Ursprünglich hätten die ersten Bewohnerinnen und Bewohner des Nordwestbahnviertels schon 2024 einziehen sollen. So war das jedenfalls geplant, als 2008 der Masterplan für das Gebiet präsentiert wurde. Mit einer ausgedehnten Grünfläche in der Mitte und hohen Häusern an den Rändern. Doch weil sich der Bau eines neuen Güterterminals im Süden Wiens verzögerte, konnten die ÖBB ihren Umschlagplatz in der Brigittenau nicht so schnell aufgeben. Hinzu kamen Einsprachen einer Bürgerinitiative gegen das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung, die erst nach zwei Jahren vom Verwaltungsgericht abgelehnt wurden.
Bauschutt wird mit der Bahn abtransportiert
Nun aber geht es mit dem Umbau voran. Der östliche Teil des Geländes wird gerade freigemacht. Riesige Bagger graben den Beton auf, reißen die Bürohäuser und Lagerhallen ab. „Wir sind optimal im Zeitplan“, sagt Martin Scheiflinger vom ÖBB Immobilienmanagement. Zwar hat die Bahn für Beschwerden aus der Nachbarschaft eine eigene Ombudsfrau engagiert. Aber bis jetzt gebe es keine Probleme, so Scheiflinger. Lärm und Staub durch LKWs gebe es kaum, weil der Bauschutt auf dem Gelände in Holz, Stahl, Ziegel oder Beton getrennt und dann zum Großteil mit der Bahn abtransportiert wird.

In drei Jahren sollen auf diesem Gelände die ersten Bauten fertiggestellt werden. Ein Schulcampus, zwei Gemeindebauten sowie mehrere Häuser privater Bauträger. Anders als beim Nordbahnhof oder dem Sonnwendviertel werden die ÖBB bei den meisten Grundstücken im Nordwestbahnviertel Grundeigentümer bleiben und von den Bauträgern dort mindestens 80 Jahre lang einen jährlichen Baurechtszins bekommen. „Die Verwertungsstrategie des Eigentümers hat sich geändert“, erklärt Immobilienmanager Scheiflinger: „Laufende Einnahmen sind jetzt wichtiger als ein Verkauf.“
Wer sich jetzt schon für Wohnungen anmelden wolle, sei viel zu früh dran, sagt Ljuba Goger von der Wiener Magistratsabteilung für Stadtteilplanung und Flächenwidmung. Die Ausschreibung laufe gerade: „Erst Ende dieses Jahres wird feststehen, welche Bauträger zum Zug kommen.“ Ebenfalls noch in Diskussion ist ein neuer Name für das Gelände. „Wenn die Leute Nordwestbahnviertel hören, denken sie an das benachbarte Nordbahnviertel“, so Ljuba Goger: „Wir wollen einen Namen, den man nicht verwechseln kann.“

Das können die Museumsbetreiber Michael Hieslmair und Michael Zinganel nur schwer nachvollziehen. Sie widmen sich in ihrem Museum der 150-jährigen Geschichte des heute vergessenen Bahnhofs. Hier kamen im 19. Jahrhundert nicht nur böhmische Arbeiter und Dienstmädchen in der Residenzstadt an. Hier wurden erstmals in speziellen Kühlwaggons Hochseefische nach Wien gebracht. Heute noch bekannte Marken wie der Fischhändler „Nordsee“ oder die Spedition „Schenker“ begannen im Nordwestbahnhof. Als die Halle in der Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit nicht mehr für den Bahnverkehr gebraucht wurde, entstand hier die weltweit erste Indoor-Skipiste mit Kunstschnee.
Kein Platz für Erinnerungen?
In ihrem Museum erinnern Hieslmair und Zinganel aber auch an die dunklen Seiten der Bahnhofsgeschichte: An die Reden von Hermann Göring und Adolf Hitler wenige Tage nach dem „Anschluss“. Und an die antisemitische Ausstellung „Der ewige Jude“, die in der Bahnhofshalle zu sehen war.
Das Nordwestbahnhof-Museum ist in einem Bürohaus neben den ehemaligen ÖBB-Busgaragen untergebracht. Dieser Teil des Geländes wird frühestens in drei Jahren freigemacht.
Wird es danach noch einen Platz für Erinnerung geben?
Kulturelle Einrichtungen der öffentlichen Hand sind auf dem Gelände nicht vorgesehen. Von den alten Güterhallen bleiben lediglich zwei erhalten und werden privaten Bauträgern zugeschlagen. Die müssen sich zu einer kulturellen oder sozialen Nutzung verpflichten. Konkrete Pläne gibt es noch nicht.
„Als Museum Nordwestbahnhof versuchen wir derzeit, so viel wie möglich an Artefakten und Materialien zu sichern und zu bewahren“, sagt Michael Hieslmair. Die Hoffnung der Museumsbetreiber ist, dass ihre Sammlung einen würdigen Platz im neuen Stadtgebiet bekommt. „Wie groß das Interesse der Stadtbewohner*innen an der Geschichte des Areals und den alten Relikten ist, erfahren wir bei unsren geführten Touren immer wieder“, sagt Hieslmair.

Dabei fehlen dem Stadterweiterungsgebiet sicher nicht die wissenschaftlichen Grundlagen. Seit fast zwanzig Jahren werden Untersuchungen gemacht, Konzepte und Studien erstellt: Zur Mobilität, zu den Auswirkungen auf die Umgebung, zur Nutzung der Erdgeschosszonen. Schon ziemlich lang ist klar, dass es keine Durchzugsstraßen geben, dafür aber die neue Straßenbahnlinie 12 das Viertel queren wird. Radwege werden in Längs- und Querrichtung gebaut und die heutige Bahntrasse bis zur Donau zu einem Grünraum mit Geh- und Radwegen umgestaltet – nach dem Vorbild der „Highline“ in New York. Doch das ist Zukunftsmusik. Der westliche Teil des Areals wird erst in ein paar Jahren freigemacht.
Die Bahnpost wurde privatisiert
Vom alten Bahnhofsensemble bleibt außer zwei Güterhallen auch die Bahnpost an der Nordwestbahnstraße erhalten. Als Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2008 erstmals an der Erstellung eines Leitbilds für das neue Wohnquartier beteiligt wurden, empfahlen sie eine öffentliche Nutzung des Gebäudes. Zum Beispiel als Museum. Kurz danach wurde die Bahnpost verkauft und dient heute als Erweiterung der Privatschule Lauder Chabad.

Generell seien die Anliegen der Anrainer nicht wirklich ernst genommen worden, kritisiert Rolf Nagel von der Bürgerinitiative Nordwestbahnhof: „Die ÖBB haben uns wenigstens zu einem Gespräch eingeladen und unsere Anliegen angehört. Von Stadt oder Bezirk gab es ein solches Angebot nicht.“ Nagel begrüßt zwar, dass der neue Stadtteil weitgehend autofrei bleibe und große Grünflächen geplant seien. Gleichzeitig warnt er davor, dass durch die Errichtung von tausenden Kfz-Stellplätzen in den Garagen der neuen Häuser der Autoverkehr in den angrenzenden Grätzeln steigen werde. Auch verstehe er nicht, so Nagel, „warum der wertvolle, gewachsene Grünbestand der Kleingärten zwischen Hellwag- und Stromstraße zwei Hochhäusern mit Luxuswohnungen weichen muss“.
Als Sprecher der Bürgerinitiative Nordwestbahnhof trat Nagel Mitte März zurück. Nun wird ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Trotz juristischer Rückschläge zahle sich das Engagement der Bürgerinitiative aus, findet Nagel: „Bis hier die ersten Häuser stehen, dauert es noch Jahre. Da können wir noch einiges bewegen“.
Die Fotos von Christopher Mavrič stammen aus seinem dokumentarischen Langzeitprojekt über den Nordwestbahnhof. Es wird mit freundlicher Unterstützung der ÖBB-Infrastruktur realisiert.
Kommentar zum Nordwestbahnhof: Wien zerstört sein industrielles Erbe
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.