Spaß im Kleiderschrank
Menschen im Zweiten. Die syrischen Brüder Yahia (35) und Zakaria Alkhaldi (34) betreiben das Vintage Closet auf der Taborstraße. Ihr Mantra: Kleider verdienen eine zweite Chance, recyceln statt wegwerfen, tauschen statt kaufen.

Wir haben eine Menge Pläne und arbeiten ziemlich viel. Da muss das Studium erst mal warten. Yahia ist nach Wien gekommen, um hier seinen Master zu machen. Informatik und Telekommunikation. Da ist er wirklich gut und hat schon Wettbewerbe gewonnen. Ich bin Vermessungstechniker und will eigentlich auch weiter studieren. Aber jetzt geht das Geschäft vor. Und ehrlich gesagt: es macht auch mehr Spass im Moment. Wir haben im vergangenen Jahr schon die zweite Filiale eröffnet, im 9. Bezirk, in der Spitalgasse beim Alten AKH. Dort kommt der größere Teil unserer Kundschaft aus der Uni.
Hier im Zweiten sind wir lokal und international zugleich. Nachbarn und Leute aus der Umgebung schauen bei uns rein. Wir sind recht aktiv in den Sozialen Medien, haben viel gutes Feedback auf Instagram und auf Google einen coolen Ruf. Inzwischen finden wirklich viele Touristen zu uns. Zwischen 10 und 19 Uhr ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Deshalb beginnen wir jeden Tag damit, die Kleiderständer mit neuen Klamotten zu füllen und gute Musik aufzulegen. Die Atmosphäre ist wichtig: man soll sich wohlfühlen, so als ob man im eigenen Kleiderschrank nach dem Passenden sucht.
Unsere Familie kommt aus Syrien, aus Aleppo. Dieser syrische Zweig stammt von einer großen, bekannten arabischen Familie ab. Wir haben Verwandte in fast allen arabischen Ländern. Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen in Kuweit, in Saudi-Arabien, im Oman. Unser Urgroßvater kam als erster nach Aleppo.
Flucht über die Balkanroute
Wir sind zehn Geschwister. Zwei Schwestern leben noch in Amman. Unsere ganze Familie musste 2004 nach Jordanien flüchten. Vater war ursprünglich Kampfpilot und sollte als Regierungsgegner verhaftet werden. Er konnte nach Amman fliehen. Am nächsten Tag sind wir alle nachgekommen. Bis 2015 habe ich dort mit Eltern und Geschwistern gelebt. Das Land war mit der großen Zahl von Flüchtlingen aber total überfordert, die Situation war kaum noch zu ertragen. Also habe ich mich eines Tages auf den Weg gemacht. Erst in die Türkei und dann über die berühmte Balkanroute nach Europa.
Gelandet bin ich schließlich in Deutschland, wo ich seither auch gelebt habe. Seit zwei Jahren besitze ich einen deutschen Pass und bin stolzer Deutscher. Yahia und unsere Eltern sind 2019 nach Wien gekommen. Als unsere Mutter vor einem Jahr gestorben ist, bin ich auch hierher gezogen. Und seither stehen Yahia und ich jeden Tag in unserem Kleiderschrank und haben Spaß.
Zweite Chance für alte Kleidung
Unser Idee ist einfach: Kleidung hat eine zweite Chance verdient, also soll man Gebrauchtes re- oder upcyceln und im Idealfall immer weiter tauschen. Noch kaufen wir in Holland und viel in Italien. Da gibt es in jeder Stadt, in Napoli, in Turino, in Firenze Textilgroßhändler. Viele kennen und vertrauen uns mittlerweile. Deshalb können wir dort sehr gezielt aussuchen, was zu uns passt. Wir wollen natürlich möglichst klimafreundlich arbeiten, nicht mehr fliegen und wenig Auto fahren. Deshalb suchen wir jetzt nach Möglichkeiten, wie wir in Österreich zu entsprechender Ware kommen. Gebrauchte Kleidung als Einzelstücke anzukaufen, geht sich leider nicht aus. Da haben wir zu wenig Platz und auch zu wenig Budget. Aber vielleicht können wir irgendwann eigene Container aufstellen.
Gerade entwickeln wir ein neues Modell: Mitglied werden und Kleider tauschen. Man kauft zwei Hosen, zwei Hemden, eine Jacke und bekommt einen entsprechenden Gutschein dafür. Beim nächsten Mal bringt man den und die Klamotten wieder zurück und sucht ein neues Set aus unserer Kollektion. Dafür brauchen wir aber auch eine Wäscherei, die mit den Sachen so umgeht, wie wir das für richtig halten. Vielleicht müssen wir die dann auch selber machen. Mal sehen.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer (www.ernstschmiederer.com)
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger, Buchautor und Archivar. Er arbeitete für profil, die Zeit, das Schweizer Magazin „Facts“ und andere Medien. Er lebt in der Leopoldstadt und unterrichtet unter anderem an der Sigmund-Freud-Privatuniversität.