Menschen zusammenbringen
Menschen im Zweiten. Die Kunsthistorikerin Christine Bruckbauer (56) betreibt auf der Heinestraße „philomena+“, eine Kunst- und Architekturplattform für Zusammenarbeit.

Eigentlich ist Philomena ein Frauenname. Aus dem Griechischen übertragen steht der erste Teil des Wortes für liebend, zugetan. Und mena läßt sich als Stärke, Mut oder Lebenskraft übersetzen. Wir hatten MENA als geografischen Begriff gefasst – „Middle East North Africa“, weil wir uns bei philomena+ mit Menschen und Ideen aus diesem Raum verbinden. Inzwischen hat sich die Erde weitergedreht, man spricht heute von der WANA-Region und meint „West Asia North Africa“. Die Perspektive hat sich also geändert, der Anspruch ist gleich geblieben: wir bauen Brücken zwischen Menschen, zwischen Kulturen, zwischen Sprachen, zwischen Welten, beispielsweise zwischen Wien und Tunis. Und dafür haben wir – meine Kollegin Negar Hakim und ich – philomena+ als Ort der Begegnung, als Lokal, als Ausstellungsraum, als Büro und auch als residency für unsere Gäste geschaffen.
Nach Wien, der Kinder wegen
In Tunis habe ich sechs Jahre gelebt und an der Manouba Universität Kunstgeschichte unterrichtet. Davor war ich drei Jahre in England und fünf in Pakistan. An all diese Orte hat es mich verschlagen, weil Christian, mein Mann, dort beruflich tätig war. Unsere Tochter Louise und unser Sohn Leopold sind in diesen Ländern aufgewachsen. Nicht zuletzt ihretwegen sind wir vor zehn Jahren wieder nach Wien gezogen – wir wollten ihnen Europa nicht vorenthalten.
Ich habe in diesen Jahren meine akademische Ausbildung mit einer Dissertation über die zeitgenössische Miniaturenmalerei in Pakistan abgeschlossen und damit ein Fundament für meine Arbeit im zweiten Bezirk gelegt. Ich wollte mich nie mit Kunst um der Kunst willen beschäftigen. Befriedigung verschafft mir, wenn es gelingt, über die Kunst brennende gesellschaftspolitische Themen zu verhandeln und Menschen zusammenzubringen, die sich im Alltag vielleicht nicht treffen würden. Bei philomena+ realisieren wir im Team Jahr für Jahr fünf Projekte. Dazu laden wir Gastkünstler*innen nach Wien, um sie mit hier lebenden Kunstschaffenden zusammenzubringen.
Sound Performance am Praterstern
Gerade kooperieren die aus Jerusalem stammende und in Rotterdam lebende Noor Abuarafeh und die aus Damaskus stammende und in Wien lebende Huda Takriti in einer Ausstellung bei uns. Sie fokussieren auf Lücken in der Geschichtsschreibung und in den Archiven sowie auf die Praktiken des Erinnerns. Die nächste Ausstellung im April wird „car(ry)ing memories“ heißen und eine Komponistin aus dem Libanon mit einer in Wien lebenden polnischen Künstlerin zusammenbringen. Wie üblich kooperieren wir auch hier mit anderen Vereinen und Instituten, diesmal mit dem Salam Music Festival. Und so gibt es neben der Ausstellung auch eine Sound Performance im Flucc am Praterstern.
So vernetzt und verwoben genieße ich das Leben im zweiten Bezirk. Hier sind mehr als 110.000 Menschen zuhause, Vielfalt ist Alltag. Der Praterstern ist als öffentlicher Raum ein unendliches Beobachtungs- und Betätigungsfeld, ständig in Veränderung begriffen. Wir nutzen ihn gern für Interventionen, zumal er mit dem Bahnhof ein besonders diverses Publikum anzieht. Bei uns im Haus höre ich viele Familien russisch sprechen. Im Sozialbau-Block vis-a-vis leben eher Menschen, die auf eine günstigere Wohnung angewiesen sind. In den Dachböden der umliegenden Gebäude gibt es exorbitant teure Luxusappartement. Auch der Volkertmarkt ist so ein besonderer Ort, der von ganz unterschiedlichen Communities nebeneinander genutzt wird. Diese Diversität aus kultureller aber auch aus ökonomischer Sicht macht den Zweiten für mich lebenswert und für mein Tun so besonders interessant.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer (www.ernstschmiederer.com)
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger, Buchautor und Archivar. Er arbeitete für profil, die Zeit, das Schweizer Magazin „Facts“ und andere Medien. Er lebt in der Leopoldstadt und unterrichtet unter anderem an der Sigmund-Freud-Privatuniversität.