Großartiges Spektakel
Menschen im Zwanzigsten In ihrem Hinterhof-Atelier am Brigittaplatz erschafft die Malerin Andrea Bischof (61) heiter gestimmte, luftig schwebende Farbwolken – mitunter im XXL-Format.

Mein Malen und mein Tun entwickeln sich seit vierzig Jahren langsam und stetig immer weiter. Ich beginne möglichst jeden Tag hier im Atelier und male drei, vier Stunden ungestört vor mich hin. Gerade habe ich mit einer großen Auftragsarbeit begonnen, die bis Sommer fertig werden muss. Dafür musste ich diese fünf großen Rahmen bauen, jeweils 2,80 Meter hoch und 2,30 breit.
Mein jüngerer Sohn hat mir geholfen, die Leinwände darauf zu spannen. Und jetzt mache ich mich jeden Morgen ans Werk und baue Farbschicht um Farbschicht luftig auf. Und irgendwann werden diese Panele nahtlos aneinander stoßend in einem Radiologie-Zentrum in Melk hoffentlich vielen Menschen Freude bereiten.
NICHTS MEHR VERPASSEN

Ich verwende Ölfarbe, da mich die am besten Transparenz und Leuchtkraft erzeugen lassen. Je länger ich so an einem Bild arbeite, um so mehr kommen die Farben an die Oberfläche. Weil viele Eindrücke der Natur in meine Arbeiten einfließen, bezeichne ich mich als abstrakte Impressionistin. Meine Bilder erinnern oft an Stimmungen und Atmosphären, die man meint, gesehen und erlebt zu haben.
Vor ein paar Tagen hatte ich noch in Tirol zu tun. In einem schönen, alten Haus, das ursprünglich von einem Hutmacher bewohnt wurde und jetzt einem Architekten gehört. Für den durfte ich im Stiegenhaus ein über sechs Meter hohes Gemälde schaffen, vom Erdgeschoß bis in die Dachschräge. Dafür bin ich ein paar Wochen lang auf einem Gerüst rauf- und runtergeklettert. Hier im Atelier ist es definitiv einfacher: da gehe ich ein paar Schritte zurück, um zu sehen, was ich getan habe.
Werke in der Albertina und im Belvedere
In letzter Zeit bin ich stärker mit Auftragsarbeiten beschäftigt. Über die Jahre gerechnet bleiben mir im Schnitt aber gut zwei Drittel für das freie Malen. Da beschäftige ich mich dann eher mit kleineren Formaten, Seitenlänge ein Meter oder einsdreißig. Immer wieder kommen auch noch Kunden zu mir, Sammler, die ich seit meinen Anfängen kenne. Und die Bilder, die bei diesen Menschen hängen, arbeiten ja auch für mich. So wie auch diejenigen, die über social media sichtbar werden.
Wichtig sind aber auch die Ankäufe von öffentlichen Einrichtungen. In der Albertina, im Belvedere, im Tiroler Landesmuseum, in der Artothek des Bundes sind meine Bilder vertreten. Eine besondere Freude habe ich in dieser Hinsicht mit meinem bisher größten Bild: il grande spettacolo in cielo. Entstanden ist dieses extreme Querformat mit über acht Metern Breite als Hommage an die Meister der venezianischen Malerei. Als Dauerleihgabe ist es in der Staatlichen Kunstssammlung Dresden zuhause – und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zu Werken von Veronese, Tintoretto und Tizian.
Vor 30 Jahren in die Brigittenau
Geboren und aufgewachsen bin ich in Tirol, in Schwaz. Diese Wurzeln pflege ich unter anderem, in dem ich mit meinen Geschwistern zusammen das Elternhaus dort nutze. Außerdem teile ich mit Freunden eine Wohnung am Lido in Venedig. Die Eindrücke, die ich dort sammle, das Licht, die Farben hinterlassen intensive Spuren in meinen Bildern. Genau wie die Energie, die ich aus meinem Leben in Wien beziehe.
Vor 30 Jahren habe ich mich aus dem 9. Bezirk über die Friedensbrücke in den 20. vorgewagt. Der Grund war ganz pragmatisch: mit meinem Budget konnte ich mir hier ein Zimmer mehr leisten. Und das hat über die Zeiten hinweg für meine Malerei einen wesentlichen Unterschied gemacht: die Lichtverhältnisse im Atelier sind mit der Fensterfront Richtung Nordosten nahezu ideal. Und die Umgebung ist wunderschön und freundlich.
Im Augarten habe ich mit meinen Söhnen viel Zeit verbracht. Und schließlich bin ich als Carnivore mit dem Fleischangebot der türkischen Händler am Hannovermarkt bestens bedient. Ich muss es immer wieder sagen: Wir haben es schon sehr gut hier.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer (www.ernstschmiederer.com)
Link: andrea-bischof.com
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger, Buchautor und Archivar. Er arbeitete für profil, die Zeit, das Schweizer Magazin „Facts“ und andere Medien. Er lebt in der Leopoldstadt und unterrichtet unter anderem an der Sigmund-Freud-Privatuniversität.