Spuren einer verlorenen Ära
Ein unscheinbarer Malerbetrieb in der Wallensteinstraße 55 schließt – und legt ein Stück Wiener Kinogeschichte frei.
Text und Foto: Naz Küçüktekin

Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere – so sagt man. In der Wallensteinstraße 55 aber scheint es eher so zu sein: Schließt ein Laden seine Pforten, tritt ans Licht, was früher einmal darin zu Hause war.
Der Malerbetrieb, der bis vor Kurzem hier sein Werk verrichtete, zog weg – und mit ihnen auch sein Schild. Zurück blieb eine Fassade, die plötzlich Geschichten zu erzählen begann. Denn darunter kam ein Name zum Vorschein, der Erinnerungen weckt: Golden Gate Videothek. Bis 2012 wurden hier Filme verliehen, VHS-Kassetten und DVDs gingen über die Theke – und mit ihnen ganze Welten. Doch das nun wieder freigelegte Schild erzählt sogar von noch mehr: von der großen Zeit eines Lichtspieltheaters , die bis an den Beginn des vergangenen Jahrhunderts reicht.
Sieben Kinos in der Brigittenau
1912 wurde an genau diesem Ort das Wallensteinkino eröffnet – im selben Jahr, in dem die erste Kinematographenverordnung beschlossen wurde. Kino war damals ein Ereignis, ein gesellschaftliches Versprechen. Das Wallensteinkino galt als das größte und vornehmste seiner Art in der Brigittenau. 653 Menschen fanden darin Platz. 1945 wurde das Kino jedoch im Zuge der Kämpfe um Wien völlig zerstört. Es dauerte drei Jahre, bis es wieder aufgebaut und im November 1948 neu eröffnet wurde.
Ein neues Kapitel begann – doch auch dieses hatte ein Verfallsdatum. In ihrer Blüte zählte Wien über 200 Kinos gleichzeitig, sieben davon allein in der Brigittenau. Doch mit dem Einzug des Fernsehens in die Wohnzimmer veränderte sich alles. Das Kino verlor seine Selbstverständlichkeit. Viele der Wiener Lichtspielhäuser verschwanden zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren – leise, oft unbemerkt. Das Wallensteinkino musste Mitte der 1980er Jahre endgültig schließen.
Heute gibt es in der Brigittenau keine Traditionskinos mehr. Nur noch das Cineplexx in der Millennium-City – ein moderner Tempel des Films, aber ohne Geschichte in seinen Wänden.
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.