Vom Lamm zu Pipilotti
Die wechselhafte, von Krieg und Zerstörung geprägte Geschichte einer Häuserzeile am Beginn der Praterstraße.


Text und Fotos: Bernhard Odehnal / Sammlung Wien Museum
«Vom Lamm zum Lusthaus fahr‘ i in 12 Minuten hin. Da springt ma kaner in Galopp, da geht’s nur immer trab, trab, trab.» So singt ein Wiener Fiaker im von Gustav Pick 1885 komponierten Fiakerlied. Das Lusthaus im Wiener Prater ist auch heute wohl bekannt. Aber was ist mit dem «Lamm» gemeint?
Antwort gibt ein altes Foto vom Ufer des Donaukanals, das im Online-Archiv des Wien Museums zu finden ist. Das «Goldene Lamm» war ein bekanntes Gasthaus am Beginn der Praterstraße, die damals «Jägerzeile» hieß. Bereits im 17. Jahrhundert tauchen erste Berichte über die Herberge auf, die damals außerhalb der Stadtmauern lag. Nach 1870 wurde das Gasthaus zum Hotel erweitert und bekam den Namen «Continental». Unter anderem stieg der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hier ab.
1945 zog sich das letzte Aufgebot der Wehrmacht in die Leopoldstadt zurück und sprengte die Donaukanalbrücken. Die vom Süden vorrückende Rote Armee beschoss das Gebiet rund um den Kanal mit Artillerie. Dabei wurde auch das Haus in der Praterstraße 7 zerstört. Ende der 1950er Jahre baute der Architekt Georg Lippert an diese Stelle im Auftrag der Bundesländerversicherung ein elegantes Bürogebäude mit damals in Österreich noch unbekannten Großraumbüros.
Ein langes Leben war dem Haus nicht vergönnt. Anfang der 2000er Jahre zog die Versicherung unter dem Namen Uniqa in einen neuen Bau bei der Aspernbrücke. Lipperts Bürohaus wurde durch ein Hotel ersetzt, geplant vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel. Besonders auffällig und vom anderen Ufer des Donaukanals gut sichtbar ist die in herbstlichen Farben gehaltene Lichtdecke im obersten Stockwerk, gestaltet von der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist.
An das „Goldene Lamm“ erinnert in der Praterstraße 7 nichts mehr. Das neue Hotel trägt den banalen Namen SO/ Vienna. Den Weg zum Lusthaus schafft man von hier laut Google-Maps mit dem Auto oder dem Fahrrad in etwa 18 Minuten. Aber vielleicht waren die im Fiakerlied behaupteten 12 Minuten schon damals maßlos übertrieben.
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.