Der falsche Freiheitskämpfer
Der Leopoldstädter Arnold Deutsch opferte sich angeblich während der Nazi-Herrschaft für ein freies Österreich. Tatsächlich war er ein Top-Spion der Sowjetunion.
Text und Fotos: Bernhard Odehnal

„Er kämpfte für ein freies, demokratisches Österreich. Für den Frieden und für das Glück der Menschheit. Mögen die Menschen sein Opfer verstehen.“ So steht es auf einer Gedenktafel neben dem Eingang zum Haus Schiffamtsgasse 20 in der Leopoldstadt. Die Tafel ist „Dr. Arnold Deutsch“ gewidmet. Er habe in diesem Haus gelebt, so besagt die Innschrift, und sei „im November 1942 von den SS-Faschisten ermordet“ worden.
Tatsächlich dürfte an diesen Informationen lediglich der Wohnort und der Name stimmen. Denn neuere Forschungen zeigen ein ganz anderes Bild: Arnold Deutsch kämpfte nicht für ein freies, demokratisches Österreich, sondern für die Diktatur des Proletariats weltweit. Denn Deutsch war Spion im Dienste des sowjetischen Geheimdienstes.
Wie der Geheimdienst-Forscher Thomas Riegler in seinem Buch „Der Wiener Spionagezirkel“ beschreibt, gibt es im Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR noch heute ein Gedenkzimmer, in dem ein Portrait von Deutsch hängt. Und auf der Internetseite des SWR ist bis heute die Biographie von Deutsch abrufbar.
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Deckname “Otto”
Arnold Deutsch wurde 1904 in Wien geboren und mit 27 Jahren während einer Russlandreise vom sowjetischen Geheimdienst rekrutiert. Die Sowjets gaben Deutsch den Decknamen „Otto“ und schickten ihn nach London. Dort konnte er in den 1930er Jahren den britischen Cambridge-Studenten Kim Philby überreden, für Stalins Regime zu spionieren. Philby (Deckname „Söhnchen“) gilt bis heute als der erfolgreichste sowjetische Spion und wurde er erst 1963 enttarnt. Neben Philby waren vier weitere Cambridge-Studenten für Moskau tätig. Auch sie wurden von Deutsch angeworben. Geheimdienst-Experte Riegler bezeichnet ihn als den „besten Agentenführer aller Zeiten“.

Deutsch und die „Cambridge Fünf“ lieferten nicht nur Informationen, sie enttarnten auch geheime Mitarbeiter westlicher Geheimdienste in Moskau. Und für die bedeutete das ein Todesurteil. Allerdings wurde auch der so erfolgreiche Deutsch vom paranoiden Regime Stalins bald verdächtigt, als Doppelagent zu arbeiten. Laut Thomas Riegler sei der Österreicher nur knapp dem „Großen Terror“ in der Sowjetunion 1938 entkommen.
Aus russischer Sicht ein “heroisches Leben”
Dass der Sowjet-Spion nach Österreich zurückkehrte und von der SS ermordet wurde, ist allerdings mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls falsch. Laut dem Eintrag auf der Internetseite des russischen Auslandsgeheimdienstes war Deutsch an Bord des russischen Tankers „Donbass“, als dieser im November 1942 von einem deutschen Kreuzer versenkt wurde: „So endete sein kurzes, aber heroisches Leben“.
Die Theorie, dass Deutsch damals ertrank, scheint auch dem Autor Thomas Riegler plausibel. Obwohl es Vermutungen gebe, dass Deutsch zum Opfer des Stalinschen Terrors wurde.
Die Gedenktafel mit den verklärenden und nachweisbar falschen Informationen in der Leopoldstadt wurde in den 1950er Jahren auf Initiative der KPÖ in der Schiffamtsgasse angebracht. Dort hängt sie bis heute. Ohne jede Korrektur.
Thomas Riegler: Die Wiener Spionagezirkel. Verlag Promedia 2024
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.